Besprechungen zu Büchern von Dr. Hans Hopf

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Interview mit Dr. Hans Hopf zu Flüchtlingskinder – Gestern und heute


Einen ausführlichen Artikel gibt es auch auf dem Verlagsblog von Klett-Cotta


Interview mit Dr. Hans Hopf zu Die Psychoanalyse des Jungen


Einen ausführlichen Artikel gibt es auch auf dem Verlagsblog von Klett-Cotta


Email von Reiseschriftsteller Andreas Altmann zu Die Psychoanalyse des Jungen

Lieber Doc, sorry, bin aber erst jetzt nach Paris zurückgekommen, war unterwegs. Himmel, was für ein Teil, Sie furchterregender Vielgescheiter, uff! So viele klugen Gedanken haben in EINEM Kopf Platz, ich verneige mich mal schnell. Haha, das was Sie über mich in Ihrem Brief geschrieben hatten (aus dem Buch), das sollten Sie mal meinen Feinden vorlesen, die würden Sie eines Schlechteren belehren. Aber da ich ja narzisstisch bin, lese ich es dennoch mit einem heiteren Grinsen! Die Lesetourdaten haben Sie bekommen, Sie wissen, was es geschlagen hat, ganz herzlich, ein Knicks, Ihr Andreas Altmann (alias Himmelsgestirn!).

Rezension zu Die Psychoanalyse des Jungen von Helmwart Hierdeis

Beim Blick auf die über hundertjährige Geschichte der Psychoanalyse erstaunt es, dass erst in diesen Tagen jemand auf die Idee gekommen ist, den Jungen nicht nur von seinen Zuschreibungen im psychoanalytischen Theoriegebäude oder von bestimmten Symptomatiken oder retrospektiv von Konfliktlagen des Mannes her beachtenswert zu finden, sondern sich mit seiner Eigenart und Entwicklung systematisch zu befassen, wie das Hans Hopf im vorliegenden Buch unternimmt.

Zwei Entwicklungsstränge münden in seine Untersuchung ein: einerseits die seit den 80er Jahren zu beobachtende Hinwendung der Sozialwissenschaften und in ihrem Gefolge auch der Psychoanalyse zu Fragen der Konstituierung von Männlichkeit/Väterlichkeit, die u.a. mit den Namen R. Radebold, H. Walter, H.-G. Metzger, F. Dammasch, J. M. Herzog, J. Ch. Aigner, J. Grieser, und M. J. Diamond verbunden ist, andererseits das wachsende Interesse der Psychoanalyse daran, die Eigenart des Jungen und die Auffälligkeiten in seinem Verhalten zu beschreiben und zu verstehen. Es schmälert die Verdienste der übrigen Mitwirkenden in diesem Arbeitsfeld nicht, wenn ich hier den Autor als einen der wichtigsten Akteure hervorhebe. Hopf hat sich in seiner vierzigjährigen therapeutischen und pädagogischen Praxis überwiegend mit männlichen Heranwachsenden befasst und die für sie „typischen“ konfliktträchtigen Verhaltensformen theoretisch bearbeitet: Aggression und Autoaggression, körperliche Gewalt, Externalisierung, Philobatie und die Auswirkungen des Medienkonsums dabei. Mit seinen Untersuchungen zu „Träume(n) von Kindern und Jugendlichen“ (2007) hat er der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie nicht nur einen wichtigen Schlüssel zum Unbewussten ihrer Klientel in die Hand gegeben, sondern darüber hinaus mit dem Hinweis auf geschlechtsspezifische Eigenarten von Träumen einen subtilen Beitrag zur Geschlechterdebatte geleistet. Nicht zuletzt ist er in seinem Buch „Wenn Kinder krank werden“ (2007) auf eine sehr anschauliche und für einen großen Leserkreis verständliche Weise der Frage nachgegangen, wie sich die Krankheiten von Heranwachsenden als Hinweise auf unverarbeitete psychische Konflikte verstehen lassen.

Die Arbeiten aus den vergangenen 25 Jahren haben ihre Spuren in der vorliegenden Darstellung hinterlassen. Den entscheidenden Anstoß, das Thema systematisch anzugehen, gab jedoch die seit den 90er Jahren virulente ADHS-Debatte. Nach seinen praktischen Erfahrungen und der Kenntnis früherer theoretischer Auseinandersetzungen mit dem „störenden“ Verhalten von männlichen Heranwachsenden konnte Hopf sich nicht mit den auf hirnorganische Prozesse fixierten Erklärungen von Medizin und Pharmakologie und den entsprechenden Therapien zufrieden geben. Wie schon in etlichen Publikationen zuvor wollte er auch diesmal nach den spezifischen Modi und Defiziten der Jungen bei der psychischen Verarbeitung ihrer Erfahrungen fragen und damit die Psychotherapie als angemessene Intervention ins Spiel bringen. Nicht nur hier, sondern im ganzen Buch geht es ihm darum, „den Jungen“, wie er schreibt, „ ihre Seele zurückzugeben“ (13). – Das hätte auch einen schönen Buchtitel abgegeben.

Die Psychoanalyse verdankt ihre Entstehung der Entdeckung, Deutung und Therapie unbewusster und damit unbewältigter psychischer Konflikte. Die Suche nach den Ursachen führte schon bei Freud zur Annahme anthropologischer Konstanten und zu Vorstellungen von „normaler“ Entwicklung (obwohl er „Normalität“ für eine „Fiktion“ hielt). Hopf versucht in vergleichbarer Weise, d.h. im Bewusstsein nur gradueller Unterschiede zwischen Krankheit und Normalität, „eine Entwicklungspsychologie des seelisch gesunden Jungen unter psychoanalytischen Aspekten zu entwerfen“ (15; Hvh. H. Hopf), die den Weg „zu einer Identität beschreibt, die als männlich bezeichnet wird“ (22).

Dass bei dieser Identitätsbildung und den damit verbundenen Schwierigkeiten auch eine historische Dimension ins Spiel kommt, macht der Autor in seiner „persönlichen Einleitung“ (15ff.) deutlich, indem er einen Blick auf die eigene Kindheit und Jugend in der unmittelbaren Nachkriegszeit wirft und zu überlegen gibt, was die seinerzeitigen Entwurzelungen, Beziehungsverluste und Ängste mit der Unruhe und den Desorientierungen der heutigen (männlichen) Kinder und Jugendlichen zu tun haben könnten. Denn damals (wenngleich aus anderen Gründen) wie in der Gegenwart sind die Jungen häufig Opfer von Trennungstraumata und Vaterlosigkeit. Wie viel Identifizierung mit Männlichkeit ist also unter diesen Umständen möglich (17ff.)?

Die Antwort auf seine Leitfrage gibt Hopf über drei thematische Komplexe : Im ersten betrachtet er den Sohn in seiner Beziehung zur Mutter (40ff.; 184ff.), zum Vater (66ff.), zum Elternpaar (226ff.) und zu den Geschwistern (264ff.). Im zweiten bietet er, ausgehend von sozialen und biologischen Voraussetzungen der Männlichkeitsentwicklung (22ff.), einen Überblick über die wichtigsten Phasen der Triebentwicklung (99ff.), sowie über Probleme der Latenz (144ff.) und der Adoleszenz (die den Heranwachsenden und die für ihn Verantwortlichen mit der Aufgabe konfrontiert, den „Einbruch der Sexualität“ zu verarbeiten; 153ff.). Im dritten schließlich diskutiert er Auffälligkeiten in der Entwicklung des Jungen: seine Neigung zu aggressiven Problemlösungen (275ff.), seine Lust zu externalisieren (314ff.) und seine Aufmerksamkeitsdefizite (346ff.).

Für sich genommen verrät das Gerüst nur, welche Themenbereiche sich dem Autor im Zusammenhang mit der Ontogenese des Jungen aufdrängen. Auf diese Schwerpunkte hätte auch jemand anderer kommen können; vielleicht hätte er sie da und dort nur anders gereiht. Was das Buch jedoch unverwechselbar macht, ist einerseits das spürbare Engagement Hopfs gegen die pädagogische Entwertung und für eine angemessene Entwicklung des männlichen Heranwachsenden, andererseits der unerhörte Reichtum an Erfahrung, der die gesamte Darstellung durchdringt und den nicht zuletzt die zahlreichen Fallvignetten widerspiegeln. Sie geben dem umfangreichen theoretischen und empirischen Material, das der Autor verarbeitet hat, erst sein Gewicht. In seinen Deutungen der Beziehungsmuster und der psychischen Dynamiken, die in den Praxisbeispielen zutage treten, ist Hopfs Credo herauszuhören: Das Heranwachsen des Jungen kann nur in einer triadischen Struktur gelingen. Sie ist idealerweise mit realen Personen (Mutter, Vater) besetzt, sie kann aber auch mit Hilfe guter Repräsentanzen funktionieren. Allerdings entstehen die guten inneren Vater- und Mutterobjekte nicht von selbst. Wie auch immer das Familiensystem strukturiert ist, ob als Vater-Mutter-Kind-Familie, ob als weibliche oder männliche Alleinerzieherfamilie, als Regenbogen- oder Patchworkfamilie, mit heterosexuellen oder gleichgeschlechtlichen Elternpaaren: die Erwachsenen tragen die Verantwortung für die Qualität der Beziehungen zu ihren Söhnen, für den Aufbau einer angemessenen Repräsentanz beider Geschlechter in ihrer Psyche und damit die Verantwortung dafür, an welchen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit die Jungen sich orientieren (226ff.).

Hopfs Beziehungsanalysen und seine Ausführungen über die drei zentralen Tendenzen in der Entwicklung des Jungen (Aggression, Externalisieren, Aufmerksamkeitsdefizit) offenbaren ein beunruhigendes Ausmaß an Irritationen und Gefährdungen, insbesondere für den männlichen Teil der nachwachsenden Generation. Sigmund Freud, der die wichtigste Aufgabe der Erziehung in der Neurosenprophylaxe sah, was die Erziehungspraxis betraf aber selten ins Detail ging, würde Hans Hopf mit Sicherheit in allen seinen pädagogischen Intentionen unterstützen. Ich löse einige aus ihren jeweiligen Kontexten und reihe sie aneinander, ähnlich wie der Autor das in seinen Schlusssätzen tut (374): Es wäre Aufgabe der für die Erziehung Verantwortlichen in der Familie wie im öffentlichen Raum, zuverlässige Bindungen herzustellen und Ablösungen zuzulassen, den Jungen den Weg nach draußen zu gestatten und ihnen den Rückweg attraktiv zu machen, ihnen heftigere Verhaltensäußerungen zu gestatten und ihnen bei der Mentalisierung, Symbolisierung und der Übersetzung ihrer Gefühle in eine ihnen angemessene Sprache zu helfen, Identifikationen zu ermöglichen und dabei Verschmelzungen zu vermeiden. Die Psychoanalytische Pädagogik hat dafür bereits allgemeine, d.h. nicht zwischen den Geschlechtern unterscheidende praktische Vorschläge entwickelt. Ihre Übersetzung im Hinblick auf das Aufwachsen von Jungen – über das hinaus, was Hopf an dieser Stelle leisten konnte – steht uns noch bevor. Dann wird auch auffallen, dass die Ausarbeitung einer „Psychoanalyse des Mädchens“ noch aussteht. Wer weiß: Vielleicht ist das Hopfs nächstes Projekt. Es böte auch die Chance, die von Hollstein übernommene These von den Jungen als „Emanzipationsverlierern“ noch etwas differenzierter zu entfalten (vgl. 373f.). „Emanzipation“ umfasst ja einen von der Aufklärung angeschobenen sozialgeschichtlichen Entwicklungsprozess, innerhalb dessen der Weg der Frauen zu mehr Selbstbestimmung nur einen Aspekt darstellt. Meine Befürchtung: Die Etikettierung der Jungen als „Emanzipationsverlierer“ könnte leicht gegen die Frauen ausgelegt werden – zu ihren Lasten und zulasten der Jungen, die auf dem Weg zur Männlichkeit nicht nur auf empathische Väter, sondern auch auf selbstbestimmte Frauen angewiesen sind. Daran lässt auch Hopf keinen Zweifel.


Rezension zu Die Psychoanalyse des Jungen in Analytische Kinder- Jugendlichen-Psychotherapie

Aus Analytische Kinder- Jugendlichen-Psychotherapie Heft 162, XLV. Jg., 2/2014 von Arne Burchartz

Im Titel der jüngsten Publikation des bekannten und renommierten Kinderanalytikers Dr. Hans Hopf ist bereits enthalten, welche Bedeutung dieses Buch für den gegenwärtigen Diskurs in Psychoanalyse, Psychotherapie und Erziehungswissenschaften hat.

Es geht um einen psychoanalytischen Zugang zur männlichen Entwicklung und Sozialisation. Es gibt zwar seit dem Aufbruch der Protestbewegung der 60er Jahre und der Emanzipationsbewegung der Frauen einen Reflex, die spezifischen Sozialisationsbedingungen des Jungen und des Mannes zu beleuchten, allerdings wurde die männliche Geschlechtsidentität hinsichtlich der Geschlechterrollen entweder negativ konnotiert oder als defizitär wahrgenommen. Zwar spielte die Psychoanalyse in den 60er und 70er Jahren für die soziale und politische Emanzipation eine entscheidende Rolle, aber eine vertiefte psychoanalytische Durchdringung der männlichen Entwicklung blieb letztlich weitgehend aus – auch, weil die Psychoanalyse eine ambivalente Rezeption erfuhr: einerseits stand sie für die Befreiung aus patriarchalischer Unterdrückung, andererseits aber auch als Protagonist einseitig männlicher Interpretationen der Seelenlandschaften.

Eine psychoanalytische Untersuchung über den Jungen musste deshalb wohl lange Zeit warten, bis sie nun endlich den Weg in die Feder von Hopf gefunden hat. Einen wesentlichen Anteil daran haben die zeitgenössischen Phänomene der Unruhe, der Destruktivität und der sozialen (Ver)störungen, mit denen Jungen Sand ins Getriebe des Beziehungsgeschehens in Familie, Kindergarten und Schule streuen. Spätestens mit der lawinenartig anwachsenden Diagnosestellung ADHS und der entsprechenden Medikation, die weitaus überwiegend Jungen betrifft, wird deutlich, dass es ein Problem in der Wahrnehmung der männlichen Kinder und Jugendlichen gibt. Waren einige Jahrzehnte zurück katholische Mädchen vom Land die Sozialisations-Verlierer, so sind es heute Jungen alleinerziehender Mütter in urbanen Verhältnissen (was nicht gegen die Mütter spricht, vielmehr gegen die epidemisch um sich greifende Vaterentbehrung).

Deshalb ist der zweite Fokus, der im Titel des Buches aufscheint, der Blick auf die Jungen, von zentraler Bedeutung für die gegenwärtige medizinische, psychotherapeutische und pädagogische Diskussion und Theorie- und Praxisentwicklung.

Bereits im ersten Kapitel über die Identitätssuche des Jungen, das teils auch persönlich gehalten ist, eröffnet Hopf den Horizont für ein weites Feld. Seine Darstellung und kritischen Diskussionen umspannen die wesentlichen psychoanalytischen Theorien der männlichen Entwicklung im Laufe der Historie. Die Bedeutung von Mutter und Vater wird ausführlich und gründlich erörtert, die wesentlichen Schaltstellen der männlichen Entwicklung erfahren eine sorgfältige und umfassende Darstellung. Die Entwicklungspsychologie des Jungen wird von der Geburt über frühe und mittlere Kindheit und Latenz bis in die Adoleszenz nachgezeichnet, dabei immer mit Blick auf die spezifischen familiären und sozialen Bedingungen, unter denen Jungen heutzutage aufwachsen. Die Rolle der Beziehung zur Mutter und deren Repräsentanz findet ein eigenes Kapitel, ebenso die verschiedenen Konstellationen des Elternpaares – heterosexuell, homosexuell, alleinerziehende Elternteile, hier auch die Diskussion gesellschaftlicher Realitäten, in denen Eltern stehen mitsamt der Frage der außerfamiliären Betreuung. Geschwisterbeziehungen werden thematisiert. Den große Schlussakkord bildet der Dreiklang aus Aggression – Bewegung und Externalisierung – Aufmerksamkeit, drei Kapitel über die zentralen Erscheinungsformen psycho-physischer Bewältigungsmuster, mit denen Jungen in Familie, Sozialisationsinstanzen und gesellschaftlichen Räumen auffallen und oftmals als störend empfunden werden. Wie aus diesem Dreiklang Mentalisierungs- und Symbolisierungsstörungen erwachsen und wie die eingeschränkte Spiel- und schließlich Denkfähigkeit die Jungen behindern, stellt der Autor überzeugend dar. Dabei beeindruckt an Hopfs Darstellung sowohl die wissenschaftliche Redlichkeit und Präzision als auch ein liebevoll-verstehender Duktus den Jungen und ihren Familien gegenüber, der auf Zuschreibungen von Defiziten oder Schuld verzichtet, ohne die aktuellen Probleme zu verschleiern. In einem letzten Kapitel, überschrieben mit „Epilog“, fährt der Autor zusammenfassend die Ernte seiner Arbeit ein – eigentlich könnte man mit diesem Kapitel zu lesen beginnen, um sich dann auf die Reise der wissenschaftlichen Vertiefung und der Entdeckung der Reichhaltigkeit der Kasuistiken des gesamten Werkes zu machen.

An dem Buch imponiert geordnete Fülle und umfassende Gründlichkeit. Biologische, psychologische und soziologische Perspektiven werden zusammengesehen. Es gibt kein zum Sujet gehöriges Thema, das ausgelassen worden wäre; dabei scheut der Autor auch vor strittigen Themen wie etwa die Regenbogenfamilien, die Rolle der Bildschirmmedien oder die massenweise Verabreichung von Amphetaminen nicht zurück. An Mut zur Stellungnahme fehlt es Hopf wahrlich nicht – und das in Verbindung mit sorgfältiger Rezeption des Standes der Wissenschaft.

Die Darstellung kombiniert Forschungsergebnisse (auch eigene) und deren Interpretation, Zusammenfassungen bisheriger psychoanalytischer Erkenntnisse und Theorien, Fallbeispiele, Rezeption von Sequenzen aus Literatur und Mythos und vertiefte psychoanalytische Durchdringung des Stoffes. Dabei ist der Text in Sprache, Duktus und Gliederung flüssig zu lesen, wiewohl der Autor dem Leser manches Schwarzbrot zu kauen gibt.

Die Publikation besticht auch durch die Authentizität des Autors. Getragen nicht allein von einer jahrzehntelangen Praxis als Kinderpsychoanalytiker und – psychotherapeut,, sondern auch von persönlichen Erfahrungen gewinnt die Argumentation an Überzeugungskraft, frei von dogmatischen Engführungen. Dazu beeindruckt Hopfs weitreichende Kenntnis seines Fachs und darüber hinaus, wovon nicht nur das 20seitige (!) Literaturverzeichnis Zeugnis ablegt – letzteres eine wahre Fundgrube.

Ein detailliertes Stichwortverzeichnis unterstreicht den Wert des Werks auch für Ausbildung und wissenschaftliche Studien.

„Die Psychoanalyse der Jungen“ ist ein umfangreiches Buch von ca. 400 Seiten. Das ist viel in Zeiten der schnellen Informationsverarbeitung. Gleichwohl verdient es alle Aufmerksamkeit, die einzelnen Kapitel lassen sich gut auch gesondert lesen und die Darstellung bleibt immer spannend.

Man wird wohl schwerlich eine Darstellung zum Thema mit einer solchen Spannbreite finden. Hans Hopf ist ein großer Wurf gelungen – unverzichtbar für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten, von hoher Wichtigkeit für Psychologen, Pädagogen und Menschen, die in psychosozialen Berufen arbeiten, empfehlenswert für solche, die sich dem Thema Jungen aus soziologischer und kulturanthropologischer Perspektive nähern. Aber nicht nur als Professioneller – auch als Mutter oder Vater kann man von dem Buch profitieren.


Die Psychoanalyse des Jungen

Der Knabe ist aber unter allen Geschöpfen das am schwierigsten zu behandelnde; denn je mehr er eine Quelle des Nachdenkens besitzt, die noch nicht die rechte Richtung erhielt, wird er hinterhältig und verschlagen und das übermütigste der Geschöpfe. Darum gilt es, durch mannigfache Zügel ihn zu bändigen« (Platon | Nomoi 808 de)

Aus der Novitätenschau der Sigmund Freud Zentralbuchhandlung:

2014, (Klett-Cotta); 408 Seiten, 23,3 cm, € 44,95

Viele Jungen sind sich, ihren Familien, der Schule und generell für die Erwachsenen zum Problem(fall) geworden: Sie sind schwierig, mitunter aggressiv, oft bewegungsunruhig, gelten als unaufmerksam, risikobereit und sind bei den vielen sie umsorgenden Lehrerinnen als potentielle Störer und kleine Amokläufer gefürchtet; ihre Selbstmordrate liegt um einiges höher als bei Mädchen. Vom ersten Tag an sind Jungen anders als Mädchen und entwickeln viel häufiger psychischen Auffälligkeiten.

Warum ist das so? Und was können Psychotherapeuten (in der KJ häufig Psychotherapeutinnen), Eltern und Schule hierbei tun, um gegenzusteuern? Das soeben erschienene Handbuch des renommierten Kinderpsychoanalytikers, Lehranalytikers, Dozenten und Autors Hans Hopf sucht und bietet auf die zahlreichen Fragen profunde Antworten und Erklärungen; es geht u. a. ausführlich ein auf

  • die Entwicklung der männlichen Identität im Beziehungsdreieck mit Mutter und Vater,
  • die Biologie des Jungen,
  • Triebentwicklung des Jungen,
  • seine Geschwisterbeziehungen,
  • die Möglichkeiten einer hilfreichen pädagogischen und therapeutischen Begleitung,
  • die psychischen Ursachen von Aggression, mangelhafter Affektregulierung, Unruhe und Aufmerksamkeitsdefiziten.

Ein Buch, welches in die Hand eines jeden mit Jungen, jüngeren und auch erwachsenen Männern therapeutisch oder pädagogisch Arbeitenden gehört und durch seine gute Lesbarkeit ebenso von interessierten (Groß-)Müttern und - vätern mit Gewinn gelesen werden dürfte.

Hans Hopf in einem Beitrag für die SFB-Novitätenschau:

Warum habe ich dieses Buch geschrieben? – Seit fast 20 Jahren befasse ich mich mit den Jungen. Zwanzig Jahre lang, bis in die neunziger Jahre, hatte ich so gut wie keinen Jungen wegen Bewegungsunruhe oder Konzentrationsstörungen in psychotherapeutischer Behandlung und noch 1991 existierten lediglich 1500 Diagnosen ADHS. 2011 trugen bereits 558000 Jungen dieses Etikett und über eine Tonne Methylphenidat wird mittlerweile eingesetzt. Was war geschehen? Männliche Identität wurde vor allem innerhalb der emanzipatorischen Bewegung hinterfragt, in Frage gestellt und neu zu definieren versucht. Mit der Erschütterung der bisherigen patriarchalischen männlichen Identität wurde auch das Bild des Vaters hinterfragt. Das wiederum hatte Folgen für die Erziehung: Die Prügelstrafe war abgeschafft worden, sinnvolles Strafen brauchte jetzt Phantasie und Kreativität. Irritation über Erziehung und angemessene Grenzsetzungen herrschten jedoch vor. Die väterliche Struktur schwand immer mehr, der gesellschaftliche Rahmen wurde immer brüchiger. Regelüberschreitungen, Affektdurchbrüche, Unruhe nahmen immer mehr zu. Diese Hilflosigkeit wurde mit der Einführung der ADHS überwunden.
Jungen sind tatsächlich noch unkonzentrierter und unruhiger geworden: Nach Ursachen dafür wird jedoch nicht gefragt, denn über den Topf mit brodelnden Konflikten kommt ein eiserner Deckel mit einer Diagnose, die nur eine einzige Erklärung zulässt: All das Unbeherrschte, alle Unruhe rühren von einer angeborenen Störung von Transmittersubstanzen. Mit dieser Diagnose wird die Seele eliminiert, zentrale Bereiche der Pädagogik werden medizinalisiert: Die Pädagogik, anfänglich auch die Psychoanalyse, haben sich auf ihren Feldern von einer geradezu grotesken ‚Wissenschaftlichkeit‘ vertreiben lassen. Mittlerweile werden Jungen ruhig gestellt über Entwertung und über Medikation. Da der Bereich ADHS fest in medizinischer Hand ist und Pharmainteressen überwiegen, wird darüber auch kaum aus Sicht der Pädagogik und Soziologie öffentlich diskutiert.
Darum habe ich dieses Buch geschrieben. Um den Jungen die Seele wieder zurückzugeben, habe ich vor allem die folgenden Problematiken in den Mittelpunkt dieses Buches gestellt: An erster Stelle natürlich die Entwicklung von männlicher Identität im Beziehungsdreieck Mutter, Vater, Sohn. Die weiteren Schwerpunkte sind die psychischen Ursachen von Aggression und Affektregulierung, Bewegung und Bewegungsunruhe sowie von Aufmerksamkeit und ihren Störungen. Weil diese Bereiche bei den Jungen höchst störanfällig sind, und sie darum Sand ins soziale Getriebe streuen, wird ihnen auch das meiste Methylphenidat verordnet, ungeachtet der Tatsache, dass männliche Wesen zu stoffgebundenen Süchten neigen. Dieses Buch ist auch ein kleiner Rückblick auf mein 40-jähriges Kinderanalytiker-Leben und -Handeln geworden. So hoffe ich, dass es viele Leserinnen und Leser finden wird, Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Eltern und Großeltern.

Das Buch kann direkt bei der Zentralbuchhandlung bestellt werden.


Schulangst und Schulphobie

Aus der Novitätenschau der Sigmund Freud Zentralbuchhandlung:

Wege zum Verständnis und zur Bewältigung. Hilfen für Eltern und Lehrer
März 2014, (Brandes & Apsel), kt., 200 Seiten, 23,5 cm, € 17,90

Schulangst ist weitverbreitet und stellt eine reale Angst dar, etwa vor Prüfungen, vor Beschämung, Mobbing oder Bestrafung. Während bei der Schulphobie die Schule nur die Bühne für einen intrapsychischen Konflikt darstellt, haben Schulängste und deren Ursachen eine lange und traurige Geschichte die immer mit körperlicher und seelischer Misshandlung einher geht. - Heutzutage jedoch können /wollen selbst Lehrer meist nicht mehr jene aufmerksame Begleiter und Beschützer sein, weil sie nicht selten selbst Angst haben vor den Schülern, deren narzisstischen Eltern und regelwütigen Schulbehörden. Mobbing und Bullying sind Ausdruck dieser Atmosphäre im sozialen Raum Schule.

Ganz anders das Kind mit einer Schulphobie: Es ist ihm ein Graus, die Schule zu besuchen, obwohl anscheinend kein objektiver Grund dafür zu erkennen ist. Über die Hintergründe und psychischen Ursachen, oft sind Trennungsängste oder konkrete Trennungserfahrungen der Auslöser, klärt das für Fachleute, Lehrer und Eltern gleichermaßen lesenswerte Buch auf.

Das Buch kann direkt bei der Zentralbuchhandlung bestellt werden.